Das chronische Erschöpfungssyndrom (chronic fatigue syndrome, CFS) ist eine rätselhafte Erkrankung, die erst in den letzten Jahren Beachtung fand. Man schätzt, dass in Deutschland etwa ein halbes Prozent der Bevölkerung an einem CFS leiden.
Beim CFS handelt es sich um einen chronischen Erschöpfungs- und Müdigkeitszustand, dessen Ursache bis heute unklar ist. Definiert ist es als eine Abnahme der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten. Typische Symptome sind Müdigkeit und Abgeschlagenheit, die sich auch durch ausreichenden Schlaf nicht bessern, leichtes Fieber, Konzentrationsstörungen sowie Muskel- und Kopfschmerzen. Grundsätzlich ist zu beachten, dass für die Diagnose andere Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen, die ähnliche Symptome verursachen können. Über die Ursachen des CFS gibt es eine ganze Reihe mehr oder weniger belegter Theorien. In den letzten Jahren hat sich herauskristallisiert, dass eine ständige Aktivierung des Immunsystems wohl im Zentrum der Erkrankung entsteht. Dies wurde anhand erhöhter Blutkonzentrationen von Entzündungszellen und Entzündungsbotenstoffen (Zytokine) belegt. Auch das häufige Symptom Fieber spricht für diese These. Wodurch das Immunsystem bei den Betroffenen aktiviert wird und warum es nicht wieder zu einer Deaktivierung kommt, bleibt unklar. Infektionen mit Herpesviren (Epstein-Barr-Virus, Zytomegalovirus und andere) wurden genauso verdächtigt wie Mykoplasmen und Borrelien. Eindeutige Hinweise hierzu stehen jedoch bislang aus. Zudem scheint eine gewisse psychische Komponente von Bedeutung zu sein. Das CFS als psychosomatische Krankheit zu bezeichnen, greift aber offensichtlich zu kurz. Auffallend häufig ist das CFS mit einer weiteren rätselhaften Erkrankung, der Fibromyalgie, vergesellschaftet. Inwiefern diese Verknüpfung auf einen gemeinsamen ursächlichen Hintergrund zurückgeht, ist jedoch bis heute nicht geklärt.
Alleine aus der Definition ergeben sich schon diagnostischen Schwierigkeiten. Es gibt eine geradezu unüberschaubare Anzahl von Erkrankungen, die ebenfalls CFS-artige Symptome verursachen können. Es gibt zudem keinen spezifischen Marker, weder bei Blutuntersuchungen noch bei apparativer Diagnostik, der auf ein CFS hinweist. Dadurch ergibt sich, dass die Patienten eine wahre Ärzteodyssee hinter sich bringen, bevor sie mit einem CFS diagnostiziert werden. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wissen über das CFS bei Ärzten nicht gerade weit verbreitet ist. So sind Krankheitsverläufe, bei denen vom Auftritt der ersten Symptome bis zur Diagnosestellung mehrere Jahre vergehen, eher die Regel als die Ausnahme.
Wie bei allen Erkrankungen, bei denen eine Ursache nicht erkennbar ist, existiert keine spezifische Therapie. Es hat sich bewährt, die Therapie so minimal wie möglich zu halten und nur entsprechend der vorhandenen Symptome zu behandeln - auch weil CFS-Patienten auf Medikamente oft mit empfindlichen Begleitreaktionen reagieren. Schmerzen und Fieber sprechen oft gut auf Paracetamol- oder Acetylsalicylsäure-haltige Präparate an. Eine begleitende Psycho- oder Verhaltenstherapie kann zumindest bei einigen der Patienten eine Verbesserung der Symptomatik bewirken. Dies gilt insbesondere dann, wenn sich als Reaktion des Leidens eine Depression entwickelt hat. Patient und Ärzte stehen der Erkrankung mehr oder weniger hilflos gegenüber und das Umfeld des Patienten bringt oft wenig Verständnis auf (Verlust des Arbeitsplatzes; Aufforderungen, sich "zusammenzureißen"). In vielen Fällen ist es für den Patienten sinnvoll einzusehen, dass seine Leistungsmöglichkeiten begrenzt sind und er darauf mit einer Reduktion des täglichen Anforderungspensums reagieren muss. Dazu gehört auch der Abbau von sozialem und beruflichem Stress. Die meisten CFS-Patienten empfinden es als erleichternd, wenn sie sich mit Leidensgenossen über ihre Krankheit austauschen können. Eine Anbindung an eine Selbsthilfegruppe ist daher ratsam.